Verwischungen

1 Einleitung

 

Im grauen London finden Gegensätze auf eine andere Weise Ihren Ausdruck. Das Wetter bietet sie jedenfalls kaum; dafür ist es zu gleich bleibend trist. Im diffusen Zwielicht eines nichtendenwollenden Nieselregens verschwimmen die Höhen und Tiefen, das „hier“ und „dort“, Ecken und Kanten verflachen, der Blick verliert seine Schärfe. Ein Schleier von müder Trübheit legt sich aufs Gemüt.

 

Das Verschwinden der Jahreszeiten wird allseits beklagt; lebt man in London, wird einem umso mehr bewusst, warum gerade ein strenger Winter dem darauf folgenden Frühling soviel Bedeutung verleiht, warum der Sommer sich vom Winter grundsätzlich unterscheiden sollte, und warum das graue Einerlei ein schlechter Ersatz für Licht und Schatten ist. An jedem trüben Tag begleitet einen die Sehnsucht nach kalt oder warm, nach hell oder dunkel, nass oder trocken. Allein, es bleibt beim monochromen Mittelmaß.

 

 

2  Stationen einer Meditation

 

Wer eine Reise tut, muss von dem Einen zum Anderen gelangen, von hier nach dort oder von jetzt auf gleich, von gestern nach heute oder von heute nach morgen. Eine Fahrt von hier nach hier ist gar keine, weil es keinen Weg zurückzulegen gibt; genauso wie ein Fußballspiel, welches jetzt angepfiffen wird und im gleichen Moment schon wieder vorüber ist, kaum der Mühe wert wäre. Auch käme der Handel schnell zum Erliegen, wenn sich die Kosten für Waren und Dienstleistungen überall auf der Welt gleichen würden. Und so geht es weiter: die Debatte zwischen Menschen gleicher Auffassungen ist eine langweilige Angelegenheit, genauso wie die Buntheit des Karnevals der düsteren Uniformität eines rechtsradikalen Aufmarsches vorzuziehen ist.

 

Auch stehen nach dem bekannten physikalischen Prinzip gleiche Flüssigkeiten in verbundenen Gefäßen gleich hoch. So hört beispielsweise der Wasserspiegel auf, in der Schleusenkammer zu steigen, wenn er das Niveau des Oberwassers erreicht. Ohne den Höhenunterschied zu Beginn kommt es gar nicht erst zu einer Fließbewegung. Anders ausgedrückt: die Konvergenz des Systems zum Ende dieses Ausgleichsprozesses setzt seine Divergenz zum Anfang voraus. Umgekehrt jedoch bedeutet Konvergenz als Ausgangspunkt nichts anderes, als das Nichtzustandekommen dieses Prozesses. Stille Wasser sind eben nicht nur tief, sondern fangen oft auch an, faul zu riechen, wenn nichts mehr fließt, wenn sich nichts mehr bewegt. Der sprudelnde Bach ist alle Mal lebendiger als der tote Arm eines flurbereinigten Flusses.

 

Aber bringen wir hier vielleicht die Dinge durcheinander? Schließlich handelt es sich bei den Eigenschaften des Wassers um physikalische Grössen, die sich auf etwas beziehen, dass man tatsächlich begreifen, ja anfassen kann. Genauso gibt es keinen Zweifel an der Entfernung zweier Städte, der zeitlichen Dauer eines Fußballspiels oder dem geringen Kontrastumfang des Londoner Lichts. All das ist erfahrbar, messbar. Das ist bei der erwähnten Debatte zweier Menschen schon schwieriger. Doch warum sollte man Attribute, wie man sie in der Welt der Dinge und Phänomene findet, nicht auch auf abstrakte Konzepte anwenden können, wie beispielsweise in Kunst und Philosophie, oder auch in der Sphäre menschlichen Zusammenlebens?

 

Handelt es sich nicht um Symptome, die alle entweder von einem Prozess des Wandels und Austauschs, beziehungsweise der Möglichkeit eines solchen Prozesses gekennzeichnet sind oder eben das Erliegen dieses Prozesses, sogar sein Nichtzustandekommen beschreiben?

 

In der Biologie spricht man von Osmose, wenn durch Diffusion ein Konzentrations-gefälle zweier Stoffe mit der Zeit langsam aber stetig ausgeglichen wird. Man spricht von Osmotischem Druck, oder auch Osmotischem Potenzial, um die Kraft zu beschreiben, mit der die unterschiedlichen Lösungen der größtmöglichen Diffusion entgegenstreben. Je größer das Konzentrationsgefälle beider Lösungen, desto höher das Osmotische Potenzial und desto höher der Druck, mit welchem das System den Konzentrationsausgleich sucht. Mit voranschreitender Vermischung beider Stoffe schwächt sich der osmotische Druck kontinuierlich ab, bis er schließlich ganz zum Erliegen kommt, wenn ein vollständiger Konzentrationsausgleich vorherrscht. Das heißt, wenn die Verteilung beider Stoffe an jedem Punkt des Systems gleich ist, tendiert das Osmotische Potenzial gegen Null. Die Diffusion der unterschiedlichen Systemkomponenten findet also nur solange statt, wie ein Konzentrationsgefälle gegeben ist – das Vis-a-vis zweier identischer Lösungen setzt keinen Austausch in Gang, da es keinen osmotischen Druck von der einen zur anderen Seite gibt. In dem Fall kommt ein Stoffwechsel gar nicht erst zustande und das System beginnt zu atrophieren.

 

Was passiert also, wenn Dinge immer ähnlicher erscheinen, weil der Kontrast zwischen Hell und Dunkel soweit abflacht, dass Schatten keine Schatten mehr sind und Lichter diese Bezeichnung nicht mehr verdienen? Wenn dem Blick die Schärfe fehlt, die so wichtig ist, um die Dinge zu erkennen, da alles in ein eintöniges Grau gewandet ist? Wenn wir vor Langeweile nichts mit uns anzufangen wissen, weil wir alle einer Meinung sind? Oder wenn der gesellschaftliche Diskurs mehr und mehr verflacht, sodass ein echter Austausch von Konzepten, Lösungen und Utopien nicht stattfindet, da es nichts mehr gibt, was auszutauschen sich lohnt? Wenn die Positionen der Parteien sich soweit angenähert haben, dass es sich nicht lohnt zu wählen? Wenn ein Ort so ist wie der andere, und wir uns fragen müssen, warum wir uns überhaupt auf die Reise machen? Wenn alle Geschichten vom Selben erzählen, und es keinen Sinn mehr macht, zuzuhören? Wenn der Kaffee überall gleich schmeckt und wenn ein Tag dem anderen gleicht, und ein Mensch dem anderen?

 

Wie kann ein kultureller, ökonomischer oder persönlich-zwischenmenschlicher Austausch stattfinden, ohne dass es etwas auszutauschen gäbe?

 

Genauso dürfte es schwer fallen, die Genesis von Sternen und Galaxien zu erklären, ohne auf die minimalen Schwankungen einzugehen, die kurz nach dem Entstehen des Universums bestehen mussten, damit überhaupt etwas zueinander finden konnte. Ohne Störungen der theoretischen, idealen Singularität – ohne Schwankungen und Ungleichgewichte in der kosmischen Supersymmetrie – wäre alles im Zustand einer ewigen Ursuppe verblieben. Denn bei einer absolut gleichmäßigen Ausbreitung von Partikeln und Kräften würden die aufeinander wirkenden Komponenten sich gegenseitig aufheben und ausgleichen, ohne dass es zu einer Konzentration von Himmelskörpern, wie hier bei uns in der Milchstrasse oder sonst wo im Universum, gekommen wäre. Vielleicht war am Anfang eben nicht nur das Wort, sondern auch und eben gerade die Asymmetrie, eine Art kosmische Unwucht, von der alles Weitere seinen Lauf nahm, den konzentrischen und überlappenden Kreisen gleich, die ein in das Wasser geworfener Stein verursacht; ohne diese Unwucht, ohne dieses Ungleichgewicht – und still ruht der See.

 

Kann man nun von physikalischen Gesetzmäßigkeiten auf einen größeren erkenntnistheoretischen Zusammenhang schließen? Was bedeutet es, wenn Gegensätze und Unterschiede ihrer Gegensätzlichkeit und Unterschiedlichkeiten beraubt werden? Wenn alles Verschiedene immer ähnlicher und ähnlicher wird, und schließlich keine Unterschiede mehr existieren; wenn es kein Begehren, keine Neugierde mehr gibt nach dem Anderen, dem Fernen, dem Unbekannten, weil das Andere, Ferne und Unbekannte nicht mehr ist? Wenn kein Austausch mehr stattfindet von Ideen und Substanzen, weil nichts mehr auszutauschen ist, was es nicht sowieso schon in gleicher Form überall gibt? Wenn jedes Zeichen mehr und mehr seiner Umgebung gleicht bis es sich schließlich spurlos im Ganzen verliert? Wenn nichts mehr auffällt? Wenn alles in ein gleichmäßiges Grau übergeht?

 

Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verteilen sich die Dinge in einem geschlossenen System mit zunehmender Zeitdauer immer unordentlicher bis zu einem Zustand maximaler Entropie, also der größtmöglichen, zufälligen Unbestimmbarkeit. Wer schon einmal Tinte in ein Wasserglas gekippt hat, weiß, dass zunächst die schönsten blauen Wolkenformationen entstehen en mineature – leider dauert es nicht lange und die Tintengebilde im Glas verschwinden in einem immer gleichmäßigeren Schleier, bis schließlich nur eine monochrome Färbung übrig bleibt. Was jetzt auf den ersten Blick einen ordentlichen Eindruck macht – ein Glas mit Blau– ist nichts anderes als eine Verwischung allen örtlichen Ungleichgewichts, aller Gegensätzlichkeiten, und aller Konzentrationsgefälle, welche in den ersten Momenten der Vermischung auftraten. Im Endzustand sind alle Wasser- und Tintenmoleküle so verteilt, wie es am wahrscheinlichsten ist: mit maximaler Zufälligkeit. Gleichmäßige Unordnung ist statistisch gesehen eben wesentlich wahrscheinlicher als ungleichmäßige Ordnung und so wird es mit zunehmender Zeitdauer immer schwieriger, etwas anderes zu erkennen, als ein immer weiter um sich greifendes Einerlei.

 

Oder versuchen Sie mal, in einem Bildbearbeitungsprogramm in den „Rauschen“ –Filter zu gehen und maximales Rauschen zu erzeugen – Sie werden sehen, wie sich das Bild vor Ihren Augen gleichsam in seine Bestandteile auflöst. Wo gerade alles noch seine Ordnung hatte und Hunderttausende von Pixeln in Millionen von Farben wie von einer unsichtbaren Hand geordnet, ein jedes an seinem richtigen Platz, ein fotografisches Bild konstituieren, ist nun nichts als ein uniformes Bildrauschen in 6 Grundfarben zuzüglich Schwarz und Weiß. Die statistische Wahrscheinlichkeit, einen Bildpunkt in einer der 6 Grundfarben oder in Schwarz oder Weiß an einem ganz bestimmten Punkt anzutreffen, ist nun genauso hoch wie einen Punkt in einer anderen der 8 möglichen Tönungen irgendwo anders. Mit zunehmendem Rauschen wird so jedes sinngebende Muster, jedes Zeichen, jede außergewöhnliche Gruppierung von Bildpunkten – und somit jede erkennbare Botschaft – immer schwächer und schwächer, bis schließlich nichts als eine sinnentleerte Informationswüste übrig bleibt. Farbliche Unterschiede, ja Gegensätze zwischen einzelnen Bildpunkten sind zwar durchaus vorhanden; durch ihre statistisch völlig gleichmäßige Verteilung über die gesamte Oberfläche jedoch entzieht sich dem Bild jede Aussage: es ist gleichsam sinnlos geworden. Das Ergebnis ist ein gleichförmiges, inhaltsleeres Einerlei, welches sich aus der in höchstem Maße zufälligen Verteilung seiner unterschiedlichen Bestandteile ergibt.

 

Nach dem großen Rauschen ist eben alles irgendwie genauso wie alles andere und rechts oben sieht aus wie links unten und umgekehrt. Würde man das Bild in Baselitzscher Manier auf den Kopf stellen, so machte das in keinster Weise auch nur irgendeinen Unterschied aus. Der Bildinhalt und damit die Möglichkeit eines daraus entstehenden Diskurses – alles das und vieles mehr ist dem Bild abhanden gekommen.

 

Sind es nicht gerade die statistisch eher unwahrscheinlichen Zusammenballungen und Anordnungen von ganz bestimmten Bildpunkten in ganz bestimmten Farben an ganz bestimmten Orten, die in ihrer Summe erkennbare Elemente des fotografischen Bildes darstellen? Ein erhöhtes Vorkommen blauer Pixel im oberen Teil des Bildes beispielsweise signalisiert in seiner Summe „Himmel“ so wie die Ansammlung von Pixeln in vielen verwandten Rottönen weiter unten im Bild, als Gruppe und aus der Distanz betrachtet, den Blütenstock einer Blume abbilden könnte. Ohne diese und die vielen anderen unterschiedlichen Muster statistisch unwahrscheinlicher Gruppen von Bildpunkten kann es kein sinnvolles fotografisches Abbild mehr geben.

 

Kann man also zu dem Schluss kommen, dass unwahrscheinliche Unterschiede letztlich von entscheidender Bedeutung sind für einen funktionierenden Stoffwechsel physikalisch-biologischer, aber auch phänomenologischer und epistemologischer Art? Dass das, was sich abhebt von jenem, welches es umgibt, – sei es der Wasserstand in der Schleuse, die Konzentration zweier Stoffe in einem Glas oder einfach eine Idee oder Theorie – eher zu einem Austausch führt, als das, was von seiner Umgebung nicht, oder nicht mehr, zu unterscheiden ist? Dass Unterschiede, so unwahrscheinlich sie auch sein mögen, trotzdem immer da gegenwärtig sind, wo das Leben selbst ist – so wie letztlich das Leben selbst höchst unwahrscheinlich ist? So könnte man das Leben als Osmotischen Prozess von der Unwahrscheinlichkeit in die Wahrscheinlichkeit verstehen, an deren Ende der Stoffwechsel der Unterschiede in einem Zustand maximaler Homogenität – im Tod nämlich – zum Stillstand kommt.

 

Im Gaußschen Weichzeichner kann man das sehr schön darstellen und beispielsweise ein Foto bis zur Unkenntlichkeit verwischen. Zum Schluss bleibt nur ein opaker, eintönig-gräulicher Schleier, der das gesamte Bildfenster ausfüllt – und wieder hinterlässt das Bild, welches einem gerade noch vor Augen steht, keine Spuren mehr. Natürlich muss man nicht soweit gehen -  man kann auch mit einer geringeren Einstellung vorlieb nehmen. Doch selbst die schwächste Verwischung führt zu einer Abnahme von Kontrast, einer Verringerung von Kantenschärfe und somit zu einer gesteigerten Ambivalenz: weniger Erkennen – mehr Tagträumerei, weniger Klarheit – mehr Verschwommenheit und Verunsicherung, weniger Deduktion – mehr Extrapolation und Spekulation, weniger Rationalität – mehr Gefühl. Da wo eben noch eine Fotografie von einem Moment in der Zeit zeugte, den es tatsächlich einmal gab, wo uns gerade noch Roland Barthes’ Punctum berührte, wie ein Pfeil direkt auf unsere Seele gerichtet; wo sein Studium uns einlud zum Verweilen,  – da verschlingt uns dieses graue Nichts und löscht alles aus, was einmal war; vergangenheitslos, undifferenziert und im wahrsten Sinne ohne jeden Anhaltspunkt – das Zeugnis einer absoluten Entleerung. In Extremis bleibt tatsächlich nichts als ein eintöniges, endloses Grau, in dem die Geschichte unseres Abbildes unwiderruflich verloren geht.

 

Vielleicht liegt das stille Grau, dieses müde Einerlei, am Anfang und Ende einer jeden Geste, eines jeden einzigartigen Ausdrucks, am Anfang und Ende aller Unterschiede. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis eben alle Energie verbraucht ist und Allem alles Andersartige entzogen ist und nur ein gesichts- und grenzenloses, gleichmäßig verteiltes Grau übrig bleibt. Unterschiede, welche ihrerseits nur mit einiger Energie entstehen, verflachen und werden schließlich wieder ganz aufgehoben: Asche zu Asche, Staub zu Staub.

 

Im Werk Gerhard Richters, insbesondere in seinen unterschiedlich stark verwischten Photomalereien gibt es Momente, in denen der Künstler sich dieser gräulichen Entleerung annähert, ohne sich ihr aber total auszuliefern. Der graue Schleier ist allgegenwärtig, Abgrenzungen zwischen Farben und Formen verschwimmen und der Blick findet wenig Halt. Und doch bleibt meistens ein Mindestmass an verwischter Figuration – man hat das Gefühl, als schrecke Richter davor zurück, das Bildhafte gänzlich auszulöschen und den Schritt in den Abgrund einer totalen Kenosis zu tun. Vielmehr gelingt es dem Maler, in seinen Bildern die Bedingungen zu schaffen, unter denen es zu einer Entleerung kommen kann, letztlich aber nie kommt. Im Gegenteil scheint sich das Bildhafte vor den Augen des Malers doch immer wieder aufs Neue zu rekonstituieren, gewissermaßen in einem trotzigen Akt vitaler Energie, um dann wieder aufs Neue der unvermeidlichen Grisaille ausgesetzt zu werden. Als gestalterische Strategie eingesetzt, macht es dieses Spiel mit der Entleerung dem Betrachter letztlich unmöglich, das Bild dauerhaft und vollständig zweifelsfrei einzuordnen und zu begreifen. Der Grad der Entfremdung entspricht dem Maß der Verwischung: je diffuser und gräulicher die Bildoberfläche, desto ungreifbarer und entrückter ihr Gegenstand. Nicht zuletzt in Richter’s RAF-Zyklus erfährt diese Herangehensweise ihre beeindruckende Apotheose.

 

Gäbe es für solcherart Verwischungen eine Entsprechung in der Musik, so fände sie vielleicht im transzendental-sakralen OM oder auch AUM, jenem mystischen Urklang eines noch formlosen Universums, seinen Ausdruck. Bar jeder musikalischen Pointierung, jeder Phrase, jeden Kontrapunktes und jeden Satzes; entleert jeder Improvisation und Interpretation, erfährt im AUM das hoch komplizierte System musikalischen Ausdrucks seine konsequente Auflösung. Wo beispielsweise eine vielstimmige Bachsche Fuge direkt aus dem vollen Leben schöpft, mit all seinen komplizierten Regeln, Strukturen, Hoffnungen, Idealen und Konflikten, immer im ständigen Miteinander sich ergänzender und widersprechender Kräfte, da kommt im AUM jeder Musikalische Stoffwechsel zum Erliegen. Ohne jedes Thema, welches auf seine Ausarbeitung warten könnte, ohne jede Chromatik, ohne irgendetwas, was zu einer Entwicklung einlädt; ohne Hoch oder Tief, ohne Pianissimo oder Allegro Moderato oder ohne jegliche bewusst gesetzten kompositorische Dissonanzen, suggeriert das AUM auch und gerade die musikalische Entsprechung des bis zur Unkenntlichkeit verwischten Bildes oder, wenn man so will, des gleichmäßig mit blauer Tinte gefüllten Glases. Man könnte sagen, dass im AUM die Polyphonie Barocker Kompositionskunst in einer allumfassenden Monophonie seine vollständige, dialektische Auflösung (Diffusion) findet. Dem komplizierten Duktus der Fuge, welcher ein Höchstmass an studierter Wachsamkeit und Bewusstseinswerdung voraussetzt, steht im AUM die sakrale Entrückung gegenüber, das Verschmelzen mit der unendlichen Weltseele.

 

 

3 Schlussbetrachtung

 

Und doch scheint da eine gewisse Unvermeidbarkeit zu existieren, ein verführerisches Gravitationsfeld, welches von dem allumfassenden Einklang ausgeht. Es scheint gleichsam, als könnten wir gar nicht anders, als langsam aber sicher unsere Gegensätzlichkeiten aufzugeben und uns letztendlich der unwiderstehlichen Entleerung hinzugeben, jenem Zustand nämlich, in dem alles Bangen und Hoffen, alles Lachen und Weinen, und alles Streben und Hadern seine Ruhe finden möchte. Genauso wie das Wasser in der Schleusenkammer gar nicht anders kann als solange den Ausgleich zu suchen, bis Parität mit dem Oberwasser erreicht ist, oder wie die Tintenwolken langsam, aber unausweichlich, in einen gleichmäßig-monotonen, blauen Schleier übergehen – und so wie wir unsere Gesprächspartner solange von der Richtigkeit unserer Argumente zu überzeugen suchen, bis sie, so hoffen wir, schließlich nicht mehr anders können, als mit unserem Standpunkt eins zu werden.

 

Mögen diese Prozesse unvermeidlich sein, solange es Gegensätzlichkeiten auszugleichen gibt. Mit dem Eintritt in das vermeintliche Nirwana maximaler Stasis, mit dem Ende jeden Austauschprozesses also, entfernen wir uns jedoch unwiderruflich vom Leben selbst, jenem bunten Durcheinander, welches Alles, uns Menschen eingeschlossen, auf mehr oder weniger unterhaltsame Art und Weise vor sich her wirbelt. Jedes System, so scheint es, braucht zunächst einmal alle Gegensätze und Ungleichgewichte, um überhaupt als System funktionieren zu können und als solches erkennbar zu sein. Sind alle Gegensätze beseitigt, kommen die Metabolismen zum Stillstand und der Austausch zum Ende.

 

Vielleicht spielt es prinzipiell wirklich keine Rolle, welcher Art die Systeme und ihre konstituierenden Gegensätze nun sein mögen; ob es sich um soziale Systeme, physikalisch-biologische – oder Systeme des Verstehens und Erkennens handelt; was im Fluss ist und seinen Ausgleich sucht, muss sich so oder so seinen Lauf bahnen und seine Energie abbauen – es aufzuhalten, würde letztendlich bedeuten, Energie aufzustauen, die sich in der Zukunft wohl noch vehementer entladen muss – und je größer die Gegensätze, desto abrupter und machtvoller der Austauschprozess, durch den das System, einer Naturgewalt gleich, dem Ausgleich entgegenstrebt.

 

Wäre es aus diesem Grunde nicht einfach besser, wenn wir unser persönliches Nirwana weniger in der Vermeidung und Aufhebung von Unterschieden und Gegensätzlichkeiten suchen würden, sondern in deren Akzeptanz und dem neugierigen, besonnenen und intelligenten Umgang mit den Chancen, die sich daraus ergeben – auch den unvermeidlichen Austauschprozessen? Das kann lehrreich, produktiv und bereichernd sein, aber auch schwierig und schmerzhaft -  allein, haben wir wirklich eine Wahl? Solange uns, und der Welt um uns herum, die Energie innewohnt, die es möglich macht, die komplizierten, widersprüchlichen und ineinander verwobenen Systeme von Gegensätzlichkeiten in all seinen Ausprägungen aufrecht zu halten, solange haben wir aktiv Teil am Leben selbst – mit allen seinen unvermeidlichen Protuberanzen – ob wir es wollen oder nicht.

 

So ist auch London, seiner vielen verschiedenen Menschen und Kulturen wegen, eine energie-geladene, vitale Stadt – ungeachtet des eintönigen Wetters. Immer wieder bleibt einem gar nichts anderes übrig, als seinen Standpunkt neu zu beziehen, relativ zu etwas Anderem – einfach weil es vom Anderen so viel und an jeder Straßenecke aufs Neue gibt. Entgegen seinem grauen Äußeren bietet die Metropole jede Menge Möglichkeiten zu kulturellem, wirtschaftlichem und persönlichem Austausch und Wachstum. Da ist es schon zu verschmerzen, dass im grauen Londoner Licht auf den ersten Blick alles gleich trüb erscheinen mag.

 

Es braucht allerdings ein gehöriges Maß an Energie, die vielen Gegensätze und – in der Folge – die immer wieder einsetzenden Austausch-Prozesse aufrechtzuerhalten. Erscheint es auch unwahrscheinlich, dass der Stadt jemals die Gegensätze ausgehen, so ist es mit vielen der darin lebenden Menschen schon anders: wem die Energie knapp wird, den zieht es nach einiger Zeit aufs Land.

 

 

Rainer Usselmann, London, September 2009

1 Einleitung   Im grauen London finden Gegensätze auf eine andere Weise Ihren Ausdruck. Das Wetter bietet sie jedenfalls kaum; […]